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 Willard Van Orman Quine

Willard Van Orman Quine (* 25. Juni 1908 in Akron, Ohio; † 25. Dezember 2000 in Boston, Massachusetts) war ein amerikanischer Philosoph und Logiker.

Quine gilt als bedeutender Vertreter der Analytischen Philosophie und des philosophischen Naturalismus.

Inhaltsverzeichnis

Werdegang

Quine studierte von 1926 bis 1930 am Oberlin College (Ohio) mit den Schwerpunkten Mathematik, Philosophie und Philologie und erwarb 1930 den B.A.. Das weitere Studium absolvierte er von 1930 bis 1932 in Harvard, wo er bei C. I. Lewis, dem Logiker H. M. Sheffer und A. N. Whitehead Vorlesungen hörte und 1931 mit dem M.A. abschloss. Das Doktorat (Ph.D.) in Philosophie erwarb Quine 1932. Als Mentor fungierte Whitehead. Der Titel der Dissertation lautete „The Logic of Sequences: A Generalization of Principia Mathematica.“

Nachdem Quine 1932 Herbert Feigl während dessen USA-Aufenthaltes in Harvard kennengelernt und so näheren Einblick in den Wiener Kreis erhalten hatte, reiste er als Sheldon Traveling Fellow 1932 bis 1933 nach Europa, wo er in Wien mit dem Wiener Kreis und insbesondere mit Kurt Gödel und Moritz Schlick zusammentraf. In Prag hörte er bei Rudolf Carnap und in Warschau bei den Logikern Stanisław Leśniewski und Alfred Tarski. Von 1933 bis 1936 war Quine Mitglied der Junior Fellows in der Havard Society of Fellows und konnte sich für drei Jahre seinen Forschungen widmen. In dieser Zeit verfasste er sein erstes Buch A System of Logistic und hielt 1934 eine Vorlesung über Carnaps Philosophie. Ab 1936 nahm er als Fellow in Harvard seine Tätigkeit als Dozent auf. Von 1942 bis 1945 leistete er Kriegsdienst bei der U.S. Marine als Kryptologe. In dieser Zeit befasste sich Quine intensiv mit dem Begriff der Analytizität, also der Frage, ob Wahrheit in der Logik und der Mathematik auf Konventionen beruht.

Ab 1948 hatte Quine eine Stelle als Full Professor in Harvard inne. Während eines einjährigen Gastaufenthaltes im Jahr 1953 in Oxford erfolgt eine intensivere Auseinandersetzung mit der Sprachphilosophie im Gespräch mit Strawson, Austin und Grice. Zu seinen Schülern in diesem Jahr zählten Michael Dummett und Wolfgang Stegmüller. 1956 wurde er als Nachfolger von Lewis auf den Edgar Pierce Lehrstuhl für Philosophie der Harvard University berufen. Ein zweiter einjähriger Gastaufenthalt fand 1973/74 statt. Im Jahr 1978 erfolgte seine Emeritierung in Harvard. 1980 hielt Quine an der Stanford University die Immanuel Kant Lectures, in denen er seine Philosophie auf aktuellem Stand zusammenfasste. Zu seinen herausragenden Schülern zählen Donald Davidson und Jaakko Hintikka.

Beiträge zu formaler Logik und Philosophie

Als junger Wissenschaftler beschäftigte sich Quine hauptsächlich mit mathematischer Logik, wandte sich aber seit den späten 1940er Jahren immer mehr Themen der Erkenntnistheorie zu. Die Typentheorie von Bertrand Russell ersetzte Quine durch ein Verfahren der Stratifikation mengentheoretischer Formeln. Russells Theorie der Kennzeichnung weitete er auf Eigennamen aus, indem er auch diese als prädikative Ausdrücke analysierte. 1963 führte er in seiner Mengenlehre das Konzept der virtuellen Klassen ein. Sein bekanntester Beitrag zur formalen Logik ist ein gemeinsam mit Edward J. McCluskey entwickelter Algorithmus zur Minimierung, d. h. Vereinfachung boolescher Funktionen, der heute unter dem Namen Quine-McCluskey-Verfahren bekannt ist.

Um 1950 veröffentlichte Quine einige Aufsätze zur Frage der Universalien, in der er eine konzeptualistische Position einnahm. 1951 griff er in einem Aufsatz mit dem Titel Two Dogmas of Empiricism zwei Überzeugungen an, die innerhalb der damaligen Analytischen Philosophie breite Anerkennung fanden, nämlich

  • den erkenntnistheoretischen Reduktionismus und
  • die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen.

Der erkenntnistheoretische Reduktionismus besagt, dass eine Theorie in Einzelaussagen zerlegt werden könne, die je für sich empirisch überprüft werden könnten. Die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen besagt (nach der Diskussionslage in der damaligen Analytischen Philosophie), dass sich die Wahrheit mancher Sätze (der analytischen) allein durch die in ihnen verwendeten Teilausdrücke ergibt, wohingegen die Wahrheit der anderen Sätze (der synthetischen) von deren Übereinstimmung mit der Wirklichkeit herrührt.

Quine hielt diesen beiden Dogmen entgegen, dass niemals einzelne Sätze, sondern immer nur Theorien als ganze empirisch gerechtfertigt werden können (Duhem-Quine-These, Holismus) und zur Identifizierung von Synonymie innerhalb von Sätzen immer auch die empirischen Umstände maßgeblich sind, die die Äußerung solcher Sätze begleiten. Mit seinem Argumentationsgang trug Quine maßgeblich zur so genannten “pragmatischen Wende” in der Analytischen Philosophie bei.

Gleichwohl zeigte Quine aber auch die Grenzen eines empirischen Verifikationismus auf: demnach können Aussagen niemals restlos veri- oder falsifiziert werden, selbst jene nicht, die nahe an der empirischen Peripherie einer wissenschaftlichen Theorie liegen: “Jede Aussage kann als wahr gelten, wenn nur im System genügend drastische Anpassungen vorgenommen werden.” Wesentlich für empirisch äquivalente Theorien ist daher nicht ihre Gültigkeit, sondern ihre Leistungsfähigkeit. Aufgrund dieser Auffassung wird auch Quine dem Pragmatismus zugerechnet.

Unbestimmtheit der Übersetzung

Quine vertrat in der Sprachphilosophie die These der „Unbestimmtheit der Übersetzung“ und folgerte daraus die „Unerforschlichkeit der Referenz“. Die zentrale Stelle dazu in seinem Werk ist das zweite Kapitel von Word and Object.

Quine meint, dass man verschiedene Übersetzungsmanuale zur Übersetzung der Quellsprache in die Zielsprache erstellen kann, die sich untereinander widersprechen, aber dennoch passende Übersetzungen sind. Man kann nicht entscheiden, welche dieser Übersetzungen richtig ist. Als Grund dafür führt er eine prinzipielle empirische Unterbestimmtheit an.

In einem Gedankenexperiment führte Quine die These aus: Wenn ein Sprachforscher die Dschungelsprache eines Eingeborenen erfassen will, so ist er nur auf Beobachtungen angewiesen, die sowohl ihm als auch dem Eingeborenen zugänglich sind. Wenn nun der Eingeborene immer dann, wenn beide ein Kaninchen sehen, den Begriff „Gavagai“ verwendet, so weiß der Sprachforscher nicht, ob gavagai nur „Kaninchen“ als Einzelobjekt oder die Klasse aller Kaninchen bezeichnet. Vielleicht sind aber auch nur bestimmte Teile oder Verhaltensweisen eines Kaninchens gemeint. Um den Begriff zu erschließen, bedarf es ergänzender Wörter, die quantifizieren oder Verweise ermöglichen. Erst dann kann durch Kombinationen der Logik die Bedeutung der Sprache anhand von Hypothesen erschlossen werden, deren Wahrheit sich erst aus einer konkreten Lebenssituation ergibt. Wahrheit ergibt sich aus Aussagen, die anhand von unmittelbarer Erfahrung der Welt überprüft werden kann. Sprache kann man nur im Zusammenhang der Erfahrungen erlernen und ist dabei auch auf Versuch und Irrtum sowie sich daraus ergebende Korrekturen angewiesen.

Naturalisierte Erkenntnistheorie

Im Bereich der Erkenntnistheorie entwickelte Quine einen szientistischen Naturalismus. Die Außenwelt betrachtete er als real, in der permanent mikrophysikalische Umverteilungen stattfinden. Das erkennende Subjekt war für ihn Gegenstand der empirischen Wissenschaften. Wahrnehmung ist zwar mentalistisch, hat aber physikalische Grundlagen in den Sinnesrezeptoren. Mentalistisch ist die Neigung des Menschen, sich nach dem Prinzip der Induktion zu verhalten. Lernen ist nichts anderes als die Ausbildung von Gewohnheiten. Erkenntnistheorie war entsprechend für ihn ein Teilgebiet der empirischen Psychologie, in der Reizreaktionsverhältnisse behavioristisch untersucht werden. Verifikation und empirische Adäquatheit sind die einzige Grundlage von Geltung und Bedeutung. Wissenschaftstheorie ist damit Sache der angewandten Wissenschaften und keine eigenständige Disziplin.

Werke

Literatur

  • L.E. Hahn und P.A. Schilpp (Hrsg.): The philosophy of W. V. Quine. 3. Aufl. La Salle (Ill.): Open Court 1988 (The library of living philosophers 18), ISBN 0-8126-9012-5 [mit selbstgeschriebenem Lebenslauf]
  • Henri Lauener: Willard Van Orman Quine. Beck, München 1982
  • Geert Keil: Quine zur Einführung. Junius, Hamburg 2002, ISBN 3-88506-358-1
  • Anne Koch: Das Verstehen des Fremden. Eine Simulationstheorie im Anschluss an W.V.O. Quine. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003.
  • Dieter Köhler: Sinnesreize, Sprache und Erfahrung. Eine Studie zur Quineschen Erkenntnistheorie. Diss. Heidelberg 1999/2003 (Pdf)
  • Dirk Koppelberg: Die Aufhebung der analytischen Philosophie. Quine als Synthese von Carnap und Neurath. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1987, ISBN 3-518-57839-1
  • Edmund Runggaldier und C. Kanzian: Grundprobleme der Analytischen Ontologie. ISBN 3-8252-2059-1

Literatur von und über Willard Van Orman Quine im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Willard Van Orman Quine—Philosopher and Mathematician. Website von Quines Sohn; umfasst Quines komplette Bibliographie, eine Liste seiner Studenten, seiner Reisen, und vieles mehr.
  • Willard Van Orman Quine im MacTutor History of Mathematics archive (englisch)
  • Thomas Forster: „Quine’s New Foundations“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)
  • Heikki J. Koskinen: Quinology Site (englisch)
  • Christian Nimtz: Willard V. O. Quine: Die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen
  • Nachruf von Willy Hochkeppel
  • Nachruf des The Guardian: “Philosopher whose revolutionary ideas challenged the accepted way we look at ourselves and our universe ” (englisch)
  • Originaltext von “Two Dogmas of Empiricism
  • Originaltext von “On Simple Theories Of A Complex World
  • Originaltext von “On What There Is
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