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KINOLEXIKON  

 Harold Lloyd

Harold Lloyd und seine Ehefrau Mildred Davis (1925)

Harold Clayton Lloyd (* 20. April 1893 in Burchard, Nebraska; † 8. März 1971 in Beverly Hills, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Schauspieler und einer der großen Komiker des Stummfilms. Er spielte in rund 200 Filmen und ist bekannt für seine ausgedehnten Verfolgungsjagdszenen und akrobatischen Meisterstücke, speziell das Klettern an Wolkenkratzern in schwindelnder Höhe. Letzteres wurde von ihm in insgesamt sechs Filmen praktiziert, Cineasten schufen für diese Art von Komik den Begriff thrill comedy. Lloyd, der viele seiner Stunts selbst ausführte, war auch Gründungsmitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Harold Lloyd wurde als Sohn von J. Darsie Lloyd und Elizabeth Fraser in Burchard geboren. Er hatte einen Bruder, Gaylord Lloyd. Er ging in Denver und San Diego zur Schule und erhielt zusätzlich Unterricht in der School of Dramatic Art, San Diego. Die Familie zog auf der Suche nach Arbeit oft um. Anfangs verdingte sich Lloyd oft bei Wandertheatertruppen für Hilfsarbeiten, um Geld zu verdienen. Im Alter von 12 Jahren stand er das erste Mal als Little Abe in Tess of d’Ubervilles selbst auf der Bühne.

Stummfilm (1913-1928)

Seine eigentliche Karriere begann Lloyd 1913 als Statist für die Thomas Edison-Filmgesellschaft und wenig später die Universal Studios, wo er Hal Roach kennenlernte. Dieser war 1914 Mitbegründer der auf kurze Komödien spezialisierten Firma Rolin, für die er Lloyd mit an Bord holte. Wegen Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Bezahlung wechselte Lloyd bald zu Mack Sennetts Keystone, während Roach, der keinen adäquaten Ersatz für Lloyd finden konnte, sich eine Zeitlang als Regisseur für die Essanay verdingte. Als die Firma Pathé für den Vertrieb gewonnen werden konnte, raufte man sich Mitte 1915 als Rolin Phunphilm Company wieder zusammen. Eine Serie von Stummfilmkomödien, in deren Mittelpunkt der an Charlie Chaplin orientierte Charakter Lonesome Luke stand, brachte Lloyd nun seine ersten bescheidenen Erfolge. Nach etlichen Kurzfilmen wurde Luke gegen Ende 1917 aufgegeben und Lloyd entwickelte stattdessen die Leinwandfigur, mit der er berühmt wurde: er ließ das Make-Up weg und legte sich eine kreisrunde Hornbrille, einen Strohhut und den konventionellen Anzug eines jungen Angestellten zu.

Ab 1919 verdoppelte sich die Länge von Lloyds Filmen auf zwei Rollen (ca. 20-25 Minuten), was mit einer erkennbaren Qualitätssteigerung einherging. Der ursprünglich als two-reeler geplante Film A Sailor-Made Man (1921) schließlich wuchs während der Dreharbeiten zu einer Dauer von ca. 45 Minuten an. Er wird oft als der erste Langfilm des Komikers gewertet, während Lloyd selbst diese Bezeichnung erst seinem nächsten Werk, Grandma’s Boy (1922), zugestand. Letztgenannter Film verhalf dem Rollentypus zum Durchbruch, mit dem Lloyd heute identifiziert wird (obwohl er nicht darauf festgelegt war): ein von seinen Mitbürgern unterschätzter, gelegentlich gedemütigter Durchschnittsmann, der es mit Gewitztheit, körperlicher Agilität und unerschütterlichem Aufstiegswillen allen zeigt.

Mit Safety Last kam 1923 Lloyds wohl bekanntester Film in die Kinos, der seine typische Hochhaus-Kletterei, die hier zugleich den Aufstieg der Filmfigur symbolisiert, perfekt in die Handlung integriert. Auch die berühmte Szene, in der der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt, stammt aus diesem Film. Als weiteres Hauptwerk gilt The Freshman (1925, später Hauptbestandteil des Kompilationsfilms Harold Lloyd’s Funny Side of Life), in dem Lloyd einen verspotteten Studenten spielt, der schließlich zum Rugby-Star des College-Teams avanciert. Bei der breiten Masse zu Unrecht weniger bekannt ist The Kid Brother (1927) mit Lloyd als vermeintlichem Weichling im Wilden Westen, der von vielen Kritikern und Fans als das eigentliche Meisterwerk des Komikers angesehen wird. Erwähnenswert ist zudem die Verfolgungsjagd aus Girl Shy (1924), die zu den spektakulärsten der Filmgeschichte gehört. Insgesamt entstanden zehn (oder elf, je nach Sichtweise) stumme Langfilme, die Harold Lloyds heutigen Ruhm als einer der “Großen Vier” der Stummfilmkomödie begründeten.

Tonfilm (1929-1951)

Ab 1929 begann Lloyd, Tonfilme zu drehen. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen bereitete ihm der Übergang zum neuen Medium zunächst keine Probleme. Der Versuch, an den Erfolg von Safety Last anzuknüpfen, schlug allerdings 1930 mit Feet First fehl: der Ton brachte eine zu realistische Note ins Spiel, sodass der Thrill letztlich die Komik überlagerte. Dennoch wird dieses Werk zusammen mit dem Nachfolger Movie Crazy heute als Lloyds bester Tonfilm gewürdigt.

Im Laufe der 30er Jahre ließ die Popularität Lloyds stark nach, da das Publikum der Depressionszeit sich mit seinem um sich selbst kreisenden Rollentypus nicht mehr identifizieren konnte. Nach dem kommerziellen Misserfolg seines sechsten Tonfilms Professor Beware gab er 1938 das Schauspielern vorerst auf und versuchte sich anschließend als Produzent der Komödien A Girl, a Guy, and a Gob (1941) und My Favorite Spy (1942). 1944/45 war er Gastgeber der NBC Radiosendung The Old Gold Comedy Theater.

1947 konnte ihn Komödienregisseur und -autor Preston Sturges noch einmal zu einem vielversprechenden Filmprojekt überreden: die Screwball-Comedy The Sin of Harold Diddlebock knüpfte an das Ende von The Freshman an und war als krönender Abschluss von Lloyds Karriere gedacht. Während der Dreharbeiten kam es jedoch zu ständigen Meinungsverschiedenheiten zwischen Lloyd und Sturges, zwei Meistern ihres Fachs mit jeweils ausgeprägter Persönlichkeit, sodass schließlich keiner der beiden mit dem Endprodukt zufrieden war. An den Kinokassen erwies sich der Film letztlich als herber Flop, ebenso wie eine von Produzent Howard Hughes gestraffte und mit Alternativmaterial versehene Version, die 1950 unter dem Titel Mad Wednesday veröffentlicht wurde. Die Uneinheitlichkeit dieses historisch interessanten Films spiegelt sich bis heute in seiner sehr unterschiedlichen Rezeption wider.

Privatleben

In den 50er Jahren zog sich der nach wie vor sehr wohlhabende Lloyd endgültig ins Privatleben zurück, um sich seinen diversen Hobbys zu widmen, z.B. der Akt- und 3D-Fotografie. Privat experimentierte der Komiker auch mit Farbfilmen, die ersten beiden wurden auf Green Acres, seinem riesigen Grundstück in Beverly Hills, gedreht, gelangten aber nie ans Licht der Öffentlichkeit. Seit Februar 1923 war er mit seiner langjährigen Filmpartnerin Mildred Davis (* 1. Januar 1900; † 18. August 1969) verheiratet, mit der er zwei Kinder hatte: Gloria (* 1923) und Harold (* 1931); Marjorie wurde im Jahre 1930 adoptiert. Lloyd engagierte sich für die Republikanische Partei und war Präsident der Shriners, eines Freimaurer-Ordens.

Gegen Ende seines Lebens produzierte Lloyd, dessen Autobiografie bereits 1928 erschienen war, noch zwei Dokumentarfilme, die unter anderem aus Szenen seiner alten Komödien bestanden: Harold Lloyd’s World of Comedy (1962) und Harold Lloyd’s Funny Side of Life (1963). Diese Kompilationsfilme weckten ein erneutes Interesse an der Arbeit des Komikers – aus rechtlichen Gründen war es jedoch erst 1974 (nach Lloyds Tod) möglich, seine Filme in ihrer integralen Fassung wiederaufzuführen. Der mächtige Time Life Konzern hatte die Rechte erworben und wertete die Filme im Kino und im Fernsehen erneut aus.

Harold Lloyd starb im Alter von 77 Jahren am 8. März 1971 an Prostatakrebs. Er liegt auf dem Forest Lawn Memorial Park Friedhof in Glendale, Kalifornien, begraben.

Ehrungen

Stern auf dem Walk of Fame

Filmografie

Kurzfilme

One-reelers (ca. 10 Min.) (Auswahl):

  • Just Nuts (1915), Willie Work
  • Miss Fatty’s Seaside Lovers (1915), Masher (Nebendarsteller in einem Keystone-Film mit Fatty Arbuckle)
  • Lonesome Luke-Serie (1915-17), Lonesome Luke (Lloyd als Chaplin-Kopie, oft im Team mit Bebe Daniels und Snub Pollard)
  • Over the Fence (1917), Ginger, a tailor (erster Film im bekannten Outfit)
  • Hey There! (1918)
  • Kicked Out (1918)
  • Are Crooks Dishonest? (1918), Harold
  • Ask Father (1919), The Boy
  • Look Out Below (1919), The Boy (erster Film mit Wolkenkratzer-Akrobatik)
  • Spring Fever (1919, Frühlingsgefühle)
  • Billy Blazes, Esq. (1919), Billy Blazes
  • Just Neighbors (1919), The Boy

Two-reelers (ca. 20-25 Min.):

  • Bumping Into Broadway (1919), The Boy
  • Captain Kidd’s Kids (1919), The Boy (letzter von unzähligen Filmen mit Bebe Daniels als Partnerin)
  • From Hand to Mouth (1919, Von der Hand in den Mund), The Boy (erster von fünfzehn Filmen mit Mildred Davis als Partnerin)
  • His Royal Slyness (1920, Der falsche Prinz), The American Boy (letzter Film mit Snub Pollard)
  • Haunted Spooks (1920, Entgeisterte Gespenster), The Boy
  • An Eastern Westerner (1920), The Boy
  • High and Dizzy (1920, Höhenrausch), The Boy
  • Get Out and Get Under (1920, Der Autonarr), The Boy
  • Number, Please? (1920, Die Nummer, bitte?), The Boy
  • Now or Never (1921, Jetzt oder nie), The Boy
  • Among Those Present (1921, High Society), O’Reilly
  • I Do (1921, Vaterfreuden), The Boy
  • Never Weaken (1921, Nur nicht schwach werden), The Boy

Langfilme

  • A Sailor-Made Man (1921, Matrose wider Willen), The Boy (als Kurzfilm begonnen)
  • Grandma’s Boy (1922, Großmutters Liebling), Grandma’s Boy
  • Dr. Jack (1922, Dr. Jack), Dr. ‘Jack’ Jackson
  • Safety Last! (1923, Ausgerechnet Wolkenkratzer! / Sicherheit spielt keine Rolle), The Boy
  • Why Worry? (1923, Lieber krank als sorgenfrei), Harold van Pelham (letzter Film mit Roach, erster von sechs Filmen mit Jobyna Ralston als Partnerin)
  • Girl Shy (1924, Mädchenscheu), Harold Meadows (auch Produzent)
  • Hot Water (1924, Das Wasser kocht), Harold (auch Produzent)
  • The Freshman (1925, Der Sportstudent), Harold ‘Speedy’ Lamb (auch Produzent)
  • For Heaven’s Sake (1926, Um Himmels willen), Harold Manners, the Uptown Boy (auch Produzent)
  • The Kid Brother (1927, Der kleine Bruder / Harold, der Pechvogel), Harold Hickory (auch Produzent) (Co-Regie: Lewis Milestone)
  • Speedy (1928, Straßenjagd mit Speedy), Harold “Speedy” Swift (ab hier wechselnde Partnerinnen, auch Produzent)

Tonfilme

  • Welcome Danger (1929, Der Drachentöter / Achtung, Harold, Achtung!), Harold Bledsoe (als Stummfilm begonnen, auch Produzent)
  • Feet First (1930, Der Traumtänzer / Harold, halt dich fest!), Harold Horne (auch Produzent)
  • Movie Crazy (1932, Filmverrückt), Harold Hall (auch Produzent)
  • The Cat’s Paw (1934, Harold Lloyd, der Strohmann), Ezekiel Cobb (auch Produzent)
  • The Milky Way (1936, Kalte Milch und heiße Fäuste / Ausgerechnet Weltmeister), Burleigh “Tiger” Sullivan (Regie: Leo McCarey)
  • Professor Beware (1938, Der gejagte Professor), Prof. Dean Lambert (auch Produzent)
  • The Sin of Harold Diddlebock / Mad Wednesday (1947/50, Verrückter Mittwoch), Harold Diddlebock (Regie: Preston Sturges)

Kompilationsfilme

  • Harold Lloyd’s World of Comedy (1962) (auch Produzent)
  • The Funny Side of Life (1963) (auch Produzent)

Siehe auch

Literatur

  • Adam Reilly: Harold Lloyd. Seine Filme – sein Leben. Heyne, München 1980 (Heyne Filmbibliothek; 17), ISBN 3-453-86017-9

 Commons: Harold Lloyd – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

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